veröffentlicht am 28.08.2026

Barrierefreiheit testen: Was Tools finden und was nicht

von Tim Hufermann

7 Min. Lesezeit

Es passiert regelmäßig: Jemand will die Barrierefreiheit testen, nimmt einen kostenlosen Online-Checker und schickt uns den Screenshot. Grüner Haken, keine Fehler gefunden.

Dann gehen wir mit der Tabulatortaste durch dieselbe Navigation. Nach dem dritten Menüpunkt hängt der Fokus fest.

Der Checker hat nicht gelogen. Er hat nur etwas anderes gemessen, als der grüne Haken vermuten lässt.

Kurz gesagt

Barrierefreiheit testen heißt: automatisiert scannen, manuell nachprüfen und im Zweifel echte Nutzer:innen ranlassen. Automatische Tools erkennen nach Messungen von Deque rund 57 Prozent der gefundenen Probleme, den Rest findet nur ein Mensch.

Was heißt Barrierefreiheit testen?

Barrierefreiheit testen heißt, eine Website gegen die Erfolgskriterien der WCAG zu prüfen, und zwar auf drei Ebenen: automatisiert, manuell und mit echter Assistenztechnologie.

Die WCAG sagt selbst, wie das gemeint ist. Ihre Erfolgskriterien sind laut W3C „testable with a combination of automated testing and human evaluation“. Automatisierung ist also eingeplant, aber eben nur als ein Teil.

Aktuell gilt WCAG 2.2. Veröffentlicht am 5. Oktober 2023, ein Update kam am 12. Dezember 2024. Die drei Konformitätsstufen heißen A, AA und AAA.

Wir arbeiten in genau dieser Reihenfolge, wenn wir eine Website barrierefrei machen. Erst der Scanner, dann die manuelle Prüfung, dann der Test mit echten Nutzer:innen.

Direkt mit uns sprechen?

Wir schauen uns eure Website an und sagen euch, wo ein Test überhaupt ansetzen sollte.

Was automatische Tools finden, und was sie übersehen

Automatische Tools finden ungefähr die Hälfte. Deque, der Hersteller hinter der Testbibliothek axe, hat über 2.000 Audits ausgewertet: mehr als 13.000 Seiten, knapp 300.000 Befunde. Davon ließen sich 57,38 Prozent automatisiert erkennen.

Diese Zahl ist optimistischer als das, was man sonst hört. Verbreitet sind 20 bis 30 Prozent. Deque schreibt ausdrücklich, dass man genau diese Annahme widerlegen wolle.

Der Unterschied steckt in der Zählweise. Deque zählt gefundene Probleme, die ältere Angabe zählt automatisiert prüfbare Erfolgskriterien. Dazu gehört die Einordnung, dass Deque eigene Werkzeuge verkauft.

Selbst die freundlichste Lesart lässt vier von zehn Problemen offen.

Das W3C formuliert es ohne Zahl und dafür deutlich: „no tool alone can determine if a site meets accessibility standards“. Für die Beurteilung sei sachkundige menschliche Bewertung nötig.

Der Grund liegt darin, was ein Scanner überhaupt messen kann. Er erkennt Muster im Code, keine Bedeutung.

Ob ein Alternativtext existiert, ist maschinell prüfbar. Ob er das Bild beschreibt, nicht.

Wie viel trotzdem an der Oberfläche liegt, zeigt die WebAIM Million. Die automatisierte Auswertung von einer Million Startseiten fand im Februar 2026 auf 95,9 Prozent der Startseiten WCAG-Fehler, im Schnitt 56,1 pro Seite. Sechs Fehlertypen machen 96 Prozent aller Funde aus:

Fehlertyp Anteil der Startseiten
1 Kontrastarmer Text 83,9 %
2 Fehlender Alternativtext 53,1 %
3 Fehlende Formularbeschriftung 51 %
4 Leere Links 46,3 %
5 Leere Buttons 30,6 %
6 Fehlende Sprachauszeichnung 13,5 %

Das sind genau die Fehler, die jedes Tool zuverlässig findet. Sie sind meistens auch schnell behoben.

Wer sie abräumt, hat viel gewonnen und trotzdem keinen Nachweis in der Hand.

Welche Prüfverfahren es in Deutschland gibt

Drei Verfahren decken die Bandbreite ab: ein schneller Selbsttest, ein vollständiges Prüfverfahren und der Test mit echten Nutzer:innen. Sie schließen sich nicht aus, sie bauen aufeinander auf.

Die Easy Checks als Einstieg

Die Easy Checks der Initiative BIK für alle sind der schnellste Weg zu einem ersten Eindruck. Es sind zehn Checks, ohne Spezialwissen durchführbar, entwickelt von der Web Accessibility Initiative des W3C.

BIK schreibt selbst dazu: „Auch wenn diese ersten Tests erfolgreich sind, können Barrieren bestehen, die Menschen mit Behinderung den Zugang verwehren.“

Ehrlicher kann eine Selbstauskunft kaum ausfallen.

Der vollständige BITV-Test

Der BIK BITV-Test ist das andere Ende der Skala. Wir haben den veröffentlichten Prüfschritt-Katalog nachgezählt: 98 Prüfschritte in 19 Kategorien.

Nicht alle davon betreffen jede Website. Der Katalog folgt der EN 301 549 und enthält deshalb Kategorien für Zwei-Wege-Sprachkommunikation und Videotelefonie, die auf einer normalen Unternehmenswebsite nicht anwendbar sind.

Dafür ist das Ergebnis veröffentlichbar. Wer einen Nachweis nach außen braucht, kommt an diesem Verfahren kaum vorbei.

Tests mit echten Nutzer:innen

Die dritte Ebene liefert keine Prüfschritte, sondern Beobachtungen. Menschen, die täglich mit Screenreader oder Bildschirmvergrößerung arbeiten, stolpern über Stellen, die formal in Ordnung sind.

Drei bis fünf Personen reichen für den Anfang. Wie sich das in eine breitere Strategie einfügt, haben wir unter digitale Barrierefreiheit beschrieben.

So könnt ihr eure Website auf Barrierefreiheit testen

Für den ersten Durchgang braucht ihr kein Budget, sondern zwei Stunden. So gehen wir vor, wenn wir uns einen ersten Eindruck verschaffen.

Phase 1: Scannen

Ein Browser-Prüfwerkzeug über die zehn wichtigsten Seitentypen laufen lassen, nicht nur über die Startseite. Formularstrecken und Suchergebnisse gehören dazu.

Phase 2: Ohne Maus bedienen

Die Maus weglegen und jede Seite nur mit Tabulator, Pfeiltasten und Enter durchlaufen. Wo der Fokus verschwindet oder hängen bleibt, liegt eine Barriere.

Phase 3: Zuhören

Dieselben Wege mit einem Screenreader abgehen. Vorgelesene Linktexte, Beschriftungen und Statusmeldungen zeigen sofort, was im Markup fehlt.

Phase 4: Dokumentieren

Jeden Fund mit Seite, Element und betroffenem Erfolgskriterium festhalten. Ohne diese Liste fangt ihr in sechs Monaten wieder von vorn an.

Was danach kommt, hängt vom Ergebnis ab. Sind es überwiegend die sechs Standardfehler, lohnt zuerst die Aufräumrunde.

Sind es Fokusfallen und unbeschriftete Bedienelemente, sitzt das Problem meist tiefer: im Theme oder in einem Plugin.

Was kostet es, die Barrierefreiheit testen zu lassen?

Beim BIK BITV-Test wird pro geprüfter Seite abgerechnet, der indikative Grundpreis liegt bei 420 Euro. Er steigt mit der technischen Komplexität der Seite (Stand: 28.08.2026, Angaben von bitvtest.de).

Beispiel BITV-Test BITV-Test + WCAG 2.2
Stufe I Einfaches HTML 420 Euro 450 Euro
Stufe II Umfangreiche Seiten, dynamische Inhaltselemente 630 Euro 675 Euro
Stufe III Komplexe Seiten, verschiedenartige dynamische Elemente 840 Euro 900 Euro
Stufe IV Komplexe Webanwendungen, mehrstufige Prozesse nach Prüfaufwand nach Prüfaufwand

Dazu kommt ein Sockelbetrag für die administrativen Aufwände. Die Prüfstellen dürfen außerdem vom indikativen Grundpreis abweichen, verbindlich ist immer das Angebot.

Rechnet also nicht mit 420 Euro. Ein realistisches Testpaket umfasst mehrere Seiten, und damit landet ihr im vierstelligen Bereich.

Für einen Test, dessen Bericht ihr veröffentlichen dürft, gibt die Prüfstelle die Seitenauswahl übrigens selbst vor. Ihr erfahrt vorab nur die Anzahl der Seiten.

Wen das BFSG betrifft, und wen nicht

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gilt seit dem 28. Juni 2025, aber es gilt nicht für jede Website. Es knüpft an Verbraucherverträge an.

Erfasst sind nach § 2 Nummer 26 BFSG digitale Dienste, die „auf individuelle Anfrage eines Verbrauchers im Hinblick auf den Abschluss eines Verbrauchervertrags“ erbracht werden. Verbraucher ist dabei, wer weder gewerblich noch selbstständig beruflich kauft.

Wer ausschließlich an andere Unternehmen verkauft, fällt damit in vielen Fällen nicht unter das Gesetz. Für Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten und höchstens zwei Millionen Euro Jahresumsatz gilt bei Dienstleistungen zusätzlich eine Ausnahme.

Ob das auf euch zutrifft, entscheidet kein Blogartikel. Das ist eine Frage für eure Rechtsberatung.

Der interessantere Grund für einen Test ist ohnehin ein anderer. Was Barrierefreiheit jenseits der Rechtslage bringt, steht in unserem Beitrag zur barrierefreien Website.

Was gut funktioniert und wo die Grenzen liegen

Gut funktioniert der automatisierte Teil als Dauerlauf. Einmal in die Deployment-Pipeline gehängt, fängt er die sechs Standardfehler ab, bevor sie live gehen.

Das ist der beste Einsatzzweck für ein Tool: nicht als Prüfsiegel, sondern als Netz.

Schlecht funktioniert alles, was Bedeutung verlangt. Ob eine Fehlermeldung verständlich ist, ob die Reihenfolge der Inhalte logisch bleibt, ob ein Video eine Audiodeskription braucht: dafür gibt es keinen Scanner.

Nicht empfehlen können wir Overlay-Werkzeuge, die per JavaScript nachträglich Barrierefreiheit versprechen. Sie ändern das darunterliegende Markup nicht, und geprüft wird das Markup.

Die dritte Grenze ist der Zeitpunkt. Ein Test am Projektende findet Fehler, die im Design entstanden sind. Warum Barrierefreiheit deshalb ins Layout gehört, haben wir unter Barrierefreiheit als Webdesign-Standard aufgeschrieben.

Für wen sich ein vollständiger Test lohnt

Ein vollständiger BITV-Test lohnt sich für drei Gruppen. Für alle mit Nachweispflicht nach außen, für Anbieter mit Verbrauchergeschäft und für alle, die ohnehin gerade neu bauen.

Für eine überschaubare B2B-Website ohne Shop ist er meist der zweite Schritt, nicht der erste. Dort bringt die Kombination aus Scan, Tastaturdurchlauf und den zehn Easy Checks in kurzer Zeit den größten Teil der Erkenntnisse.

Wer gar nichts prüft, sollte wenigstens wissen, was er nicht weiß.

Was ein Test wirklich bringt

Ein Test macht eine Website nicht barrierefrei. Er macht sichtbar, wo sie es nicht ist, und genau das ist sein Zweck.

Der grüne Haken aus dem Online-Checker sagt nur: hier wurden keine der automatisch erkennbaren Fehler gefunden. Mehr behauptet er gar nicht. Alles Weitere haben wir in diesen einen Satz hineingelesen.

Wir halten es deshalb für ehrlicher, mit einer Fundliste zu arbeiten als mit einer Punktzahl. Eine Liste kann man abarbeiten. Eine Punktzahl kann man nur vorzeigen.

Bereit für einen ehrlichen Blick auf eure Barrierefreiheit?

Wir prüfen automatisiert, manuell und mit Screenreader und liefern eine priorisierte Fundliste statt einer Punktzahl.

Tim Hufermann

Tim Hufermann

Founder & CEO

Tim Hufermann ist Gründer und Geschäftsführer der Kölner Digitalagentur JUNGMUT. Seit 2007 begleitet er Unternehmen, Non-Profits und öffentliche Institutionen bei Website-Relaunches, Marketing Automation und dem Aufbau KI-gestützter Arbeitsweisen.

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